8 Glieder | Der Yoga-Pfad in Richtung Selbsterkenntnis

Vielleicht hast du schon von „Ashtanga Yoga“ gehört? Sofern du mit dem Begriff etwas anfangen kannst – welcher Gedanke kommt dir sofort in den Kopf? Ich nehme an, irgendeine dieser körperlich herausfordernden Asanas, vielleicht eine fortgeschrittene Variante des Handstands oder eine andere verdrehte Körperhaltung. Ashtanga (Vinyasa) Yoga, das von Sri K. Patthabi Jois in Mysore/Indien gegründet wurde, ist ein traditioneller Stil des Hatha Yoga; eine sehr kraftvolle, dynamische Form von Yoga, die auf einer bestimmten Reihe von Asanas basiert. Allerdings bedeutet das Wort „Ashtanga“ Wort wörtlich übersetzt „8 Glieder“ bzw. steht für den 8-gliedrigen Pfad von Yoga. Dieser geht zurück auf die Yoga Sutras, die alten Schriften, die 200 v. Chr. von dem Yogavater Patanjali niedergeschrieben wurden.

Man kann sich Ashtanga Yoga als einen Stufen-Prozess vorstellen, der verschiedene spirituelle Praktiken beinhaltet und dich letztlich in Richtung der ultimativen Essenz von Bewusstsein führt. Eine sehr schöne Metapher ist die Leiter: Wir fangen ganz unten, mit unserem materiellen, ans Außen gebundene Leben an und bewegen uns in einer Reise der Selbstentwicklung eine Stufe nach der anderen weiter hoch; oben wartet die Erkenntnis unseres transzendentalen Selbst (Purusha), wo wir über Personifizierung und Identifizierung hinaus gehen. Die ganzheitliche Yogapraxis mit all seinen verschiedenen, aber zusammenführenden Aspekten hilft uns dabei, zwischen Ignoranz und Bewusstsein zu unterscheiden; zwischen Illusion und Wahrheit; sie führt uns letztlich zur Befreiung und möglicherweise auch zu Erleuchtung. Diese Glieder werden dich zu dem ultimativen Ziel von Yoga führen: die Vereinigung, das Eins-werden mit dem Göttlichen.

“Yoga besteht in der Welt, weil alles miteinander verbunden ist.“
(Desikashar)

Was sind nun diese 8 Glieder? Die meisten von euch werden mit den Asanas, den physischen Yoga-Übungen, vertraut sein. Sie sind das bekannteste Glied von Yoga im Westen. Wenn man sich allerdings auf den ganzheitlichen Yogapfad begibt, sind es noch eine Handvoll weiterer Aspekte, die über die physischen Posen hinaus gehen. Lasst uns direkt in das Thema einsteigen!

 

 

 

 

~ Äußeres versus Inneres Yoga ~


Ich habe die 8 Glieder schon metaphorisch als eine Leiter dargestellt, bei der wir unten mit der Basis anfangen: unser physisches Sein und das alltägliche Leben. Von diesem existenziellen Standpunkt aus werden wir uns durch einen stetigen (Reinigung)Prozess vorwärts bewegen, von der äußeren Welt immer tiefer in die innere hinein. Die ersten 5 Glieder beziehen sich auf den „äußeren Yoga“, in dem wir an Hand von Grundsätzen und mit der Hilfe von Lehrern angeleitet werden. Dieser Teil nennt sich auch Hatha Yoga. Es geht hierbei um das aktive Tun; die Praxis wird regelmäßig mit Mühe und Willen durchgeführt, mit Freude und Schmerz.

Der äußere (externe) oder Hatha Yoga beinhaltet die folgenden Glieder:

  • Yama: moralische Grundsätze/ Ethik
  • Niyama: persönliche Disziplin/Beobachtung deiner Selbst
  • Asana: körperliche Übungen/ Stellungen
  • Pranayama: Atembeherrschung/ Ausdehnung von Atems und Prana
  • Pratyahara: Zurückziehen der Sinne

“Du wächst von innen heraus.
Niemand kann dich lehren, nichts kann dich spirituell machen.
Es gibt keinen anderen Lehrer außer deine eigene Seele.“
(Swami Vivekananda)

Sobald wir die ersten 5 Teilbereiche des Yoga regelmäßig, mit einer unterstützenden, führenden Hand an der Seite praktizieren, werden sie nach und nach fest verankert. An diesem Punkt tauchen die höheren Glieder nahezu selbstständig auf und entwickeln sich in uns. Somit kann man sagen, dass der Hatha Yoga die Vorbereitung für diese weiterführenden Glieder ist, die als Raja Yoga zusammengefasst werden. Ihre Praxis benötigt keine externen Führer bzw. Lehrer mehr, denn wir tauchen tief in uns selbst ein und übernehmen eigenständig die Kontrolle. Wir wachsen auf der Basis des Hatha Yoga; im weiteren Verlauf beginnt ein eigenständiger, natürlicher Prozess.

Der innere oder Raja Yoga inkludiert die folgenden Glieder:

  • Dharana: Konzentration/ Fokus
  • Dhyana: Meditation/ Absorption
  • Samadhi: innere göttliche Erfahrung / vollkommen integriertes Bewusstsein (Ekstase)

 

 

 

 

 

~ Hatha Yoga: Grundprinzipien & die geführte Praxis ~


Die ersten 2 Glieder geben dir eine Art moralischen Kompass, denn diese bestehen aus ethischen Richtlinien: Yamas und Niyamas.

Yama bezieht sich auf eine harmonische Beziehung mit anderen Lebewesen und ist sozusagen das „soziale“ Glied.
Es besteht aus 5 Prinzipien:

  • Ahimsa (Gewaltlosigkeit), d.h. Mitgefühl für alle lebenden Wesen und Dinge in deinen Gedanken, Worten und Handlungen zu pflegen. Es bezieht sich unter anderem auch auf eine vegetarisch-vegane (pflanzenbasierte) Ernährung, was sich auf die Vorstellung, keine Gewalt an Tieren auszuüben, bezieht.
  • Satya (Wahrheit)
  • Asteya (Nichtstehlen)
  • Brahmacharya (Selbstbeherrschung), was sich insbesondere auf das sexuelle Verhalten bezieht.
  • Aparigraha (Nicht-Besitzenwollen oder Entsagung von Gier)

 

Niyama bezieht sich dagegen vielmehr auf das persönliche Verhalten. Diese Grundsätze sind sozusagen all jene Werte, mit denen wir uns selbst begegnen. Es geht um das Innenleben. Es geht darum, wie du dein Leben mit dem großen Ganzen in Einklang bringst.
Unter den Niyamas gibt es ebenso 5 Aspekte:

  • Saucha (innere und äußere Reinheit)
  • Santosa (Zufriedenheit)
  • Tapas (Disziplin)
  • Svadhyaya (Studium spiritueller Schriften)
  • Isvarapranidhana (Hingabe zum Göttlichen)

 

Als nächstes haben wir die Körperstellungen, Asanas, welche das 3. Glied ausmachen. Bei der eigentlichen Praxis fangen wir nun mit der Materie unseres ganzheitlichen Systems, dem Körper, an. Er ist der Schlüssel für alle weiterführenden, Energie-bezogenen Aspekte auf Ebene von Gedanken und Emotionen. Während der Asana-Praxis geht der Fokus immer in Richtung Atem, denn dieser verbindet metaphorisch gesprochen Körper und Geist. Asanas fordern unseren Körper heraus, sie öffnen ihn und dienen dazu, seine eigenen mentalen Muster zu erforschen, den Willen zu stärken, während man das Loslassen lernt und in den Zustand von Gnade kommt. Wir stellen damit eine Art von Gleichgewicht zwischen der materiellen Welt und unserer spirituellen Erfahrung her.

“Durch das in Einklang bringen des Körpers habe ich
den Einklang meines Geistes, meines Selbst und der Intelligenz erfahren.“
 (B.K.S. Iyengar)

Pranayama, das 4. Glied von Yoga, bedeutet Atemkontrolle. Wegen dieser engen Beziehung zwischen Atem und Geist wird der Atem dazu genutzt, den Geist zur Ruhe zu bringen. Gleichzeitig erweitern und reinigen wir „Prana“, die Lebenskraft/-energie. Wenn wir die ununterbrochene Aktivität in unserem Geist stillen können, bekommen wir mehr Klarheit, neue Perspektiven eröffnen sich und wir bereiten ihn für die Meditation vor.

Das Zurückziehen der Sinne, als Pratyahara bezeichnet, bezieht sich auf das Distanzieren von den unendlich vielen externen Reizen, denen wir permanent ausgesetzt sind. Diese sensorisch wahrgenommenen Ablenkungen halten uns konstant davon ab, unseren Fokus auf den Weg der Selbsterkenntnis aufrecht zu erhalten und inneren Frieden zu erlangen. Die meisten von uns machen die Erfahrung, dass unsere Sinne uns vielmehr beherrschen als dass sie uns lediglich dienen: Sehnsüchte, Verlangen, Bedürfnisse kommen hoch; Abhängigkeiten von äußeren Dingen oder Personen, die früher oder später zu Leid und Unzufriedenheit führen. Wenn du mit dem Meditieren anfängst, wird sich Pratyahara quasi von alleine einstellen, denn dein Geist wird so fokussiert sein, dass die Sinne ihm folgen – und nicht umgekehrt.

 

 

 

 

 

 

~ Raja Yoga: Der innere Weg in Richtung Erleuchtung ~


Sobald wir uns von den äußeren Ablenkungen befreit haben, treffen wir als nächstes auf die Ablenkungen des Geistes selbst. Dabei dient uns die nächste Stufe, Dharana, die Praxis von Konzentration, als ein sehr gutes Hilfsmittel. Patanjali beschreibt Konzentration als das bewusste „Binden“ bzw. Fokussieren auf einen (einzigen) Punkt. Die Fähigkeit, sich ohne Ablenkungen zu konzentrieren, ist uns nur in diesem absoluten Moment möglich – im Hier und Jetzt. Dieser Zustand von Gegenwärtigkeit heilt den Geist von inneren Konflikten; er schenkt uns ein Maximum an Zufriedenheit. Jeder von uns kennt diese Momente: Du bist mit etwas aus voller Leidenschaft beschäftigt, nichts und niemand kann dich aus diesem Flow herausbringen, die Zeit scheint still zu stehen, du bist gänzlich fokussiert auf diese eine einzige Sache mit scheinbar unendlicher Energie. Kennst du diesen Zustand? Während wir bei der Praxis von Pratyahara zum Selbstbeobachter werden, fokussieren wir bei Dharana unsere Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt. Das durchgängige Halten dieser Aufmerksamkeit führt uns ganz von alleine zum nächsten Glied.

Dhyana, auch als Meditation oder Absorption (Besinnung) bezeichnet, kann als ungestörter Fluss der Konzentration erklärt werden. In diesem Zustand brauchst du deinen Fokus nicht mehr aktiv und bewusst auf einen Punkt lenken, weil du diesen Seinszustand schon verinnerlicht hast. Es taucht Gelassenheit in Form von innerer Ruhe auf, der Geist wird immer stiller und dein Bewusstseinslevel steigt an. Aber denke daran: Diese ganze Praxis ist ein stetiger Prozess und kein Endpunkt, den du einmal erreichst und für immer darin verweilst. Diese ganze Reise hängt vor allem von deiner Bereitschaft, deiner Geduld und der Fähigkeit von Hingabe ab.

„Meditation ist der Weg des
Nährens und Blühens des Göttlichen in dir.“
(Amit Ray)

Nach der letzten Stufe strebt jeder, der sich auf dem Yogapfad befindet: dem ultimative Zustand von Ekstase, wie Patanjali das 8. Glied Samadhi beschreibt. Auf diesem Level erfährst du diese tiefgreifende Verbindung zum Göttlichen, eine unendliche Einheit mit allen Lebewesen und Dingen; es kommt ein solch immenser innere Frieden in dir auf, für dessen Beschreibung jegliche Worte seinen Wert limitieren würden. Samadhi ist eine Erfahrung von Segen, vom Einssein mit dem gesamten Universum. In diesem Zustand erreicht man ein höheres meditatives Energielevel als in der Praxis von Dhyana. Samadhi ist sozusagen der Vorläufer von Erleuchtung – ein Zustand des reinen Seins, der Selbst-Erkenntnis; das Erkennen von allem, was ist: reines Bewusstsein. Somit verschwindet auch die persönliche Identifizierung, schließlich wird die „Einheit“ erfahren. Es herrscht ewiger Frieden über alle Stufen, alle Grenzen, sogar über Zeit und Raum hinaus.

 

 

 

 

 

~ Fazit: Der holistische Pfad von Ashtanga Yoga ~


Ob man gelegentlich Yoga auf der Matte praktiziert oder den ganzheitlichen Yoga-Weg beschreitet, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Nicht jeder, der gerne den Asana-Unterricht in seiner Yogaschule besucht, muss oder wird das Verlangen danach haben, sein ganzes Leben diesem Pfad in Richtung Erleuchtung zu widmen. Allerdings ist es nicht selten der Fall, dass wenn du erstmal mit dem Yoga beginnst, seine Vorzüge kennenlernst und dich der regelmäßigen Praxis verschreibst, dann zieht er dich wie eine magnetische Kraft in diese spirituelle Reise hinein. Ich kann daher nur jedem, der Yoga praktizieren möchte oder es bereits tut einfach nur sagen: Höre auf dich selbst. Wie weit du auch gehen möchtest. Nichts sollte erzwungen oder unter Druck geschehen. Mache genau das, was sich für dich richtig anfühlt. Jeder einzelne Schritt in ein bewusste(re)s Leben hat eine immense Auswirkung – nicht nur auf dein Leben, sondern gleichzeitig auf das Leben der Personen um dich herum.

„Dränge dich zu nichts.
Wenn die Zeit kommt, wird es von alleine kommen.“

Wenn ich persönlich von Yoga spreche, beziehe ich mich dabei immer auf die ganzheitliche Praxis, d.h. Asanas, Pranayama, Meditation, die dich gewissermaßen auch schon in die Praxis von Pratyahara ziehen und auf den moralischen Prinzipien Yama und Niyama basieren. Du fängst an, diese Werte in deiner Asana-Praxis und in den anderen Gliedern zu kultivieren. Zum Beispiel sprechen viele Yoga-Praktizierenden über die Bedeutung einer reinen, pflanzenbasierten, sattvischen Ernährung als die ultimative Voraussetzung zum Meditieren. Und natürlich, Lebensmittel tragen ein Maß an Schwingungsenergie in sich und sind nicht nur Kalorien- und Nährstoff-Lieferanten für unseren Körper. Sie haben einen tiefgreifenden Effekt auf unseren Geist, unsere Emotionen und weiterführend unsere spirituelle Entwicklung. Irgendwann kommt man in seiner Praxis zu einem Punkt, an dem man alles, was sich nicht mehr stimmig anfühlt (was mit deiner Schwingungsenergie nicht mehr in Resonanz geht), ganz natürlich gehen lässt. Denn du spürst innerlich ganz genau, was deinem Körper, deinen Werten, deiner Schwingung entspricht und was nicht (mehr).

Ich sende dir ganz viel Liebe und Licht. Bleibe dir treu. Bleibe einfach du selbst.

Namasté,

deine Isabel!

2 thoughts on “8 Glieder | Der Yoga-Pfad in Richtung Selbsterkenntnis”

  1. Thank you, dearest Isabel, for bringing this amazing and deep topic closer to my heart <3 I love the way you dive into the mesmerizing world of Yoga – something more than just a physical activity. Something deeper and closer to one's soul. than imaginable.

    Namaste
    <3

    1. Dearest Nour, my soul sister!

      It honestly is not an easy-digestible topic, especially for those who are not familiar with spirituality, consciousness and oneness as the source of every existence – in terms of Yoga. But it has been guiding me within my own experience very deeply into this topic, so I can relate to Patanjali’s written Sutras. And yes, that’s why I feel the urge to share it with the world: because of my personal relation to it!

      Your words mean the world to me. Thanks for sharing your opinion on this article!

      Lots of love & Namasté,
      yours Isabel!

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