Chitta Vritti Nirodhah | Was ist das Ziel von Yoga?

Wenn wir in unserer westlichen Welt an Yoga denken, nehmen wir es meist als physische Praxis wahr. Körperübungen, die uns dabei helfen können, unsere Flexibilität zu erhöhen, ein wenig Kraft aufzubauen und uns sogar dabei unterstützen, vom stressigen Arbeitsalltag und familiären Unstimmigkeiten abzuschalten. Allerdings geht es in seiner uralten Essenz bei Yoga nicht primär um unseren Körper oder darum, dass wir flexibler, gesünder oder von unserem hektischen Alltag „abgelenkt“ werden. Der Ursprung von Yoga zielt auf unser Mind ab. Yoga dient dem Bewusstsein – Yoga kommt dort zum Tragen, wo immer auch Bewusstsein liegt.

Es gibt unterschiedliche Ansätze, welche Yoga (Sanskrit: yuj) definieren, wie beispielsweise die Verbindung des physischen mit dem höheren Selbst, von Erkenntnis und Erfüllung in uns selbst, die Trennung von Ignoranz und Wahrheit oder von Unbeständigkeit zu Beständigkeit. Stellen wir uns aber nun die Frage nach dem Ziel von Yoga: WARUM praktizieren wir denn alle diese uralte, machtvolle Technik? Eine Antwort liefern uns die alten Schriften über Yoga.

Du wirst dich vielleicht fragen, was diese unaussprechlichen Zeilen im Titel bedeuten? Bevor ich hier in der Einleitung noch länger um den heißen Brei rede, lass‘ uns direkt in das Thema eintauchen!

 

 

 

 

~ Chitta Vritti Nirodha: worum geht es? ~


Diese drei Sanskrit-Begriffe gehen zurück auf die von Patanjali verfassten Yoga Sutras. Diese sogenannten Sutras stellen sozusagen den traditionell philosophischen Text von Yoga dar und dienen als theoretische Grundlage für die innere Reise, welche wir durch die Yogapraxis erfahren.

Die Yoga Sutras (Leitsätze) liefern uns einen „Fahrplan“ darüber, was mit uns im Inneren passiert – mit unserem Geist, den Emotionen und unserer gesamten inneren Welt – wenn wir Yoga praktizieren. Auch, wenn diese Texte schon vor über 2000 Jahren verfasst wurden, dienen sie immer noch den heutigen Yoga-Schüler als Grundlage zur Erkenntnis.

Die zweite Sutra beschreibt das Ziel von Yoga mit den Worten “Yogas chitta vritti nirodhah”, was soviel bedeutet wie „Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen im Geiste“ oder Wort wörtlich übersetzt als:

  • Chitta: Geist, Bewusstsein
  • Vritti: Wellen, Fluktuationen
  • Nirodhah: zu steuern, zu stillen

Das beutetet, wenn Yoga praktiziert wird, dann Chitta Vritti Nirodhah, dann kommt unser unruhiger Geist zu einem Punkt der Ruhe. Du versuchst ihn nicht zwanghaft zu kontrollieren, zu steuern oder die Gedanken zu unterdrücken, aber du gibst ihm den Raum, seine Mitte zu finden.

Patanjali erklärt ebenso, dass wir durch eine hingebungsvolle Praxis sowie die Arbeit am Prozess des Loslassen dazu befähigt werden, uns nicht mehr mit unseren Gedanken, Gefühlen und Sinneseindrücken zu identifizieren. Denn das Festhalten und die Maskierung mit diesen temporären Zuständen sei der Grund für all unser emotionales Leiden. Wir sind durch diese Praxis dann dazu bereit, unser wahres Selbst zu erfahren. Die Essenz dieser ganzen Reise durch Yoga ist es, sich vom Materiellen zu distanzieren und in Richtung Spiritualität zu bewegen.

“Yoga ist der goldene Schlüsse, der uns das Tor zu Frieden, Ruhe und Freude öffnet.”
(B.K.S. Iyengar)

Mit anderen Worten: Yoga ermutigt uns dazu, einen Schritt nach dem anderen tiefer in uns selbst hinein zu gehen, mehr Bewusstsein für unsere abhängige Beziehung zur äußeren Welt zu erlangen; sich davon mehr und mehr zu befreien und letztlich diesen Zustand von innerem Frieden in uns zu finden. Ein Zustand, der sich jenseits von den temporären Ankern in unserem Leben befindet; vielmehr nahe der Quelle aller Energie und Kreativität im Leben.

 

 

 

 

 

~ Die Befreiung aus unserem mentalen Gefängnis ~


Während des Denkens – was wir übrigens unbewusst die ganze Zeit tun – kommen entweder Erinnerungen oder Sehnsüchte in uns auf. Unser aktive Geist holt uns entweder in die Vergangenheit zurück, wo wir an bereits gemachte Erfahrungen und Eindrücke denken oder wir kreieren uns ein Szenario, das möglicherweise in der Zukunft eintreten wird. Unser (unbewusstes) Mind ist ein wahrer Meister darin, uns vom jetzigen Moment, dem Hier und Jetzt, fernzuhalten. Wir laufen mental quasi ununterbrochen auf einem Hamsterrad: Eindrücke aus der Vergangenheit oder im Außen führen zu Wünschen und Sehnsüchten in uns, woraufhin wir handeln und uns diesen Wunsch erfüllen, woraufhin schon die nächste Sehnsucht in uns wach wird – und so dreht sich das Rad weiter und weiter. Das bedeutet nun, wir sind ständig damit beschäftigt, in äußeren Quellen nach Glück und Erfüllung zu streben, während unser Geist es uns nicht erlaubt, im Hier und Jetzt anzukommen. Diese ständige Ablenkung und Abhängigkeit im Außen birgt großes Potential in sich, uns Unzufriedenheit und Leid zu bescheren.

Ein einfaches Beispiel ist unsere Identifizierung mit externen Dingen. Angenommen, uns fragt jemand „Wer bist du?“, werden wir uns wahrscheinlich mit unserem Job, einer bestimmten Rolle, einem Beziehungsmuster, einer politischen, kulturellen Zugehörigkeit oder einem Hobby identifizieren. Das heißt, wir antworten „Ich bin Hausfrau und Mutter“ oder „Ich bin Psychologe.“

Und ja, wir brauchen gewisse Beschreibungen, um uns hier auf Erden als Individuum wahrnehmen und ausdrücken zu können, keine Frage. Deshalb besitzen wir auch ein „Ego“, das seine absolute Berechtigung hat und Notwendigkeit erfüllt. Wenn wir uns allerdings daran fesseln und von den Dingen im Außen abhängig machen, werden wir früher oder später Unzufriedenheit und emotionales Leid erfahren.

“Auch wenn du dich in dieser körperlichen Form wahrnimmst,
deine Essenz ist reines Bewusstsein.
Du bist der furchtlose Führer des Göttlichen Lichts.
Komm‘, kehre zurück zum Ursprung des Ursprungs deiner eigenen Seele.

(Rumi)

Und an diesem Punkt kommt der Yoga ins Spiel, indem er uns daran erinnert, wie sich wahre Erfüllung wirklich anfühlen kann. Ram Dass hat es folgendermaßen zusammengefasst: das Festhalten an Dingen führt zu Leid. Im Gegenzug könnten wir nun sagen „das Loslassen von Dingen führt zu Freiheit“. Die Praxis vom „Loslösen der Früchte für das, was du gesäht, wie du gehandelt hast“  lehrt uns die Bhagavad Gita, das erstmalig verfasste Buch über Yoga.

 

 

 

 

 

~ Was bedeutet Loslösen? ~


Loslösen kann als ein wundervolles Geschenk der Befreiung betrachtet werden, das dir jede vorstellbare Form von Freiheit geben kann. Im Umkehrschluss heißt das auch: das Festhalten oder Binden an bestimmte Dinge ist in der Regel immer mit einem gewissen Maß an Angst und Unsicherheit verbunden.

Zum Beispiel: du denkst, dass du so glücklich, zufrieden und erfüllt sein wirst, sobald du deinen Seelenpartner getroffen, deine Rechnungen abbezahlt oder XYZ Euro auf dem Bankkonto hast. Allerdings wirst du erstens immer und immer wieder neue Wünsche haben. Und zweitens weißt du auf einer tiefen Ebene ganz genau, dass alles, was du jemals haben, erfahren oder besitzen wirst, genauso gut auch wieder verloren werden kann, was in Zukunft gegebenenfalls wieder mit Schmerz verbunden sein wird. Somit ist das Loslösen von der Bindung an diese Sehnsüchte eine Art von Befreiung, die dir inneren Reichtum schenken kann. Solange du dir deines wahren Selbst nicht bewusst bist – das heißt deinem reinen Bewusstsein und massiven Potential – wirst du daran glauben, dass dich Dinge im Außen glücklich machen können.

 “Alles ist vergänglich: Emotionen, Gedanken, Personen und Orte.
Halte nicht daran fest, ziehe mit dem Strom mit.“ 

In der wahren Natur des Seins kann es gar keine Bindungen geben, denn letzten Endes weißt du, dass nichts „real“ ist. Diese Form der Unabhängigkeit, dass sogar wenn du deinen Körper heute verlassen müsstest, es wäre okay für dich. Denn du hast die wahre Natur deiner Seele erkannt und weißt, dass alles eine zeitlose, unsterbliche Erfahrung ist, die weit über die Oberfläche unserer „Realität“ hinaus geht, mit welcher wir uns identifizieren. Erst dann können wir verstehen, dass uns die Praxis von Yoga zu dieser Erfahrung führen kann.

 

 

 

 

~ Ist dieses Ziel greifbar? ~


Soviel sei zur Theorie gesagt – aber wie sieht es nun mit unserer Praxis aus. Ist dieser Zustand des ruhenden Geistes, der keinerlei Sehnsüchte nach äußeren Dingen hervorruft und jeden einzelnen Moment des Hier und Jetzt annimmt, wirklich umsetzbar?

„Alles Loszulassen bedeutet nicht, dass du nichts mehr besitzen sollst,
sondern dass DICH nichts mehr besitzen soll.“
(Ali ibn abi Talib)

Wie auch alles andere im Leben geht es um einen Prozess, in dem man sich Tag für Tag übt und um kein finales Endziel, das du erreichst und wo du dann bis zu deinem Lebensende bleiben wirst. Wir können es vielmehr als einen Weg beschreiben, für den wir uns entscheiden. Worum es wirklich geht, ist wie du dich im Laufe der Zeit entwickelst; zu wem du „wirst“, was du lernst; und langsam aber stetig wird sich so einiges in deinem Leben verändern.

„Der Sinn eines Ziels ist nicht, was du am Ende bekommst.
Der Sinn eines Ziels ist es, zu wem du auf dem Weg dorthin wirst.“

Die Yogapraxis ist eine wunderschönes Methode, die deinen Geist schärfst, sodass du die Realität mit mehr Klarheit wahrnehmen kannst. Und wenn ich von der Yogapraxis spreche, meine ich damit nicht nur die körperlichen Übungen (Asanas). Wie uns der 8-gliedrige Asthanga Yoga zeigt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, seinen Geist zu fokussieren. Meditation (Dhyana) zum Beispiel ermöglicht es dir, für eine gewisse Zeit das mentale Hamsterrad in dir loszulassen. Dann haben wir noch die Praxis von Dharana, d.h. deine Konzentration zu schulen indem du einen Fokus setzt. Du nimmst alle Gedanken, die kommen und gehen, an, was dir das Loslösen von der Identifizierung mit diesen ermöglicht. Dadurch erlaubst du dir einen Schritt weiter zu gehen, in Richtung der ultimativen Domäne von ungebundener Wahrnehmung, von Bewusstsein, was als Samadhi bezeichnet wird. Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass die regelmäßige Meditationspraxis mein Leben komplett verändert hat. Ich kann schon fast sagen, dass es ein Leben „vor“ und „nach“ dem täglichen Meditieren gab bzw. gibt, denn dadurch wird dir der direkte Weg zum Bewusstsein deines unendlichen Potentials geebnet und dein Geist zur Stille, ins Hier und Jetzt, gebracht.

„Denke daran, dass die Gegenwart alles ist, was du hast.
Mache das Jetzt zum Mittelpunkt deines Lebens.“
(Eckhard Tolle)

Die Gegenwart, dieser jetzige Moment, spielt eine ganz wichtige Rolle im Yoga. Tatsächlich wird der Begriff Athah (Jetzt) auch in der ersten Yoga Sutra im folgenden Kontext verwendet: Atha yoga anushasanam (Lasst uns nun mit Yoga beginnen). Die Yogapraxis gibt uns also eine Idee davon, wie sich der jetzige Moment anfühlt und hilft uns dadurch, in die Wurzeln des Bewusstseins direkt einzutauchen. Das ist definitiv nicht die einfachste Erfahrung, die wir machen können. Aber der Yoga ist ein sehr wertvoller Lehrer, der uns auf dieser spirituellen Reise zur Seite steht, um beispielsweise Angst in Mitgefühl zu transformieren, um Stärke in Momenten der Trauer zu finden, um unser ständiges Verlangen nach materiellen Dingen zu zähmen und den Moment, mit allem was gerade ist, anzunehmen – ob wir gerade Schmerz oder Freude erfahren.

„Der spirituelle Weg schützt dich nicht vor Zeiten der Dunkelheit.
Aber er lehrt dich, wie du die Dunkelheit als ein Hilfsmittel zum Wachsen nutzen kannst.“

Schmerz wahrzunehmen, sei es mentaler oder emotionaler Schmerz, ist tatsächlich so unangenehm, dass wir automatisch dazu neigen, diesem aus dem Weg zu gehen. Indem wir aber Widerstand gegen diesen Schmerz leisten, werden wir ihn nicht los. Denn alles, was du unterdrückst, wird dich weiter verfolgen und sich in dir verstärken – solange, bis du dich der Wahrheit stellst und daraus etwas gelernt hast. Wenn du immer wieder vor der Vergangenheit davonläufst, erlaubst du ihr, die Zügel in die Hand zu nehmen und dein Leben zu diktieren. Yoga schenkt dir die Möglichkeit, den Prozess des Davonlaufens zu unterbrechen und alles zu akzeptieren, was du fühlst, ob es gute oder schlechte Gefühle sind. Der einzige Weg, aus etwas herauszukommen, etwas loszulassen, ist durchzugehen, es zuzulassen, zu spüren, anzunehmen und zu akzeptieren. Und wieder sind wir zurück beim Loslassen – beim Loslösen.

Wir können diese Praxis vom Loslassen auch auf die Asana-Yogapraxis übertragen: wenn du zum Beispiel im unteren Rücken recht steif und unflexibel bist, wirst du dazu aufgefordert zu akzeptieren, wie die Situation gerade ist. Und auch wenn du daran arbeitest, mehr Flexibilität in diesem Teil deines Körpers zu bekommen, solltest du nicht die Erwartungen an dich stellen, in ein paar Tagen oder Wochen einen superflexiblen unteren Rücken zu haben.

 

 

 

 

~ Fazit: Yoga als Ansatz zur inneren Freiheit ~


Zusammenfassend möchte ich gerne einfach nochmal das Ziel von Yoga, so wie es Patanjali in den Yoga Sutras beschrieben hat, festhalten:

Yoga chitta vritti nirodhah. Tada drastuh svarupe vasthanam.

– Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen im Geiste. Dann erkennt man sich in seiner wahren Natur. –

Der ursprünglichen Idee zufolge geht es im Yoga also nicht vorrangig um unseren Körper, sondern vielmehr darum, einen ruhigen, friedvollen Geist zu erlangen.

Jede Person, die Yoga praktiziert, hat mit Sicherheit ihre ganz persönliche Definition davon, was diese alte, indische Praxis für einen selbst bedeutet, was es mit einem macht, wie man sie sieht, fühlt und erfährt. Zum Ende dieses Artikels möchte ich gerne meine eigene Definition mit dir teilen:

„Für mich persönlich ist Yoga das schönste Hilfsmittel,
um mit meiner wahren, reinen Essenz in Einklang zu kommen.
Yoga hilft mir dabei, in meinem Körper anzukommen,
mich meiner Gedanken bewusst zu werden,
näher an MEINE Wahrheit heranzukommen
und mich mit meiner Intuition zu verbinden –
spirituell zu wachsen.“

Vielen Dank, ihr Lieben, fürs „Zuhören“.

Ich schicke dir meine Dankbarkeit und Liebe, wo auch immer du gerade bist. Hab einen ganz wundervollen Tag!

Namasté,

deine Isabel!

One thought on “Chitta Vritti Nirodhah | Was ist das Ziel von Yoga?”

  1. Liebe Isabel!

    Schön hast du das Ziel von Yoga erklärt,, ich habe so ziemlich alles verstanden und ich versuche es auch nun umzusetzen……………… Jetzt kommt der schwierigere Teil………………. Aber man muss immer wieder neue Wege für sich zu finden, um den Geist zu beruhigen. Der Geist ist nämlich meistens ein sehr „unruhiger Geist“.

    Ich drücke dich,
    deine Mum!!!!

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